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Mit einem Festakt in der Großen Orangerie des Schlosses Charlottenburg hat die EJF-Lazarus Gesellschaft am 4. Dezember den 110. Gründungstag des "Brandenburgischen Rettungshaus-Verbandes" begangen, aus dem das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) historisch hervorgegangen ist. Die Geschichte des EJF stelle sich angesichts von Finanzkürzungen vor allem in der Jugendhilfe und der Ängste der Menschen im Zusammenhang mit den Maßnahmen von Hartz IV wie ein "Antiresignativum" dar, erklärte die Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg, Susanne Kahl-Passoth, in ihrem Grußwort. Der Träger habe sich immer wieder "aus Tälern herausgearbeitet" und sei bereit gewesen, sich neuen Herausforderungen zu stellen, kritische Anfragen aufzunehmen und neue Konzepte zu entwickeln. (Wortlaut der Rede der Diakonie-Direktorin, Druckversion) In seiner Festrede warnte Professor Dr. Günter Köhler, Vorstandsvorsitzender des EJF e.V. und Kuratoriumsmitglied der Diakoniestiftung Lazarus davor, in der Arbeit der EJF-Lazarus Gesellschaft die "höchsten und lebendigen Grundwerte" des Christentums zu vernachlässigen. Die vom Evangelium her bestimmte Ethik stelle nicht die Frage nach der "Zweckmäßigkeit und dem Nutzen" des Dienstes am Nächsten, hob er hervor. Wie Köhler hinzufügte, sei das Zusammengehen des EJF und der Lazarus-Stiftung in diesem Jahr "leise und reibungslos" verlaufen, da sich beide Träger auf dieselben christlichen Wurzeln beriefen. Jetzt könne die EJF-Lazarus Gesellschaft erstmals mit einem Angebot aufwarten, das ein ganzes Menschenleben umfasst. Künstlerisch gestaltete die Feierstunde der Staats- und Domchor Berlin sowie die Schauspielerin Ursela Monn. Zudem war der aus der legendären Quiz-Sendung Dalli-Dalli bekannte Schnellzeichner Oskar zu Gast, der gegen eine Spende nach dem offiziellen Festakt zahlreiche Gäste der Jubiläumsfeier porträtierte. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurden 15 Mitarbeiter der EJF-Lazarus Gesellschaft für ihre engagierte und verdienstvolle Arbeit geehrt. Bereits vor dem Festakt hatte in der Berliner Luisen-Kirche am Gierkeplatz ein Gottesdienst stattgefunden. Es sei ein Zeichen von Lebendigkeit, dass sich ein Träger wie die EJF-Lazarus Gesellschaft "immer wieder verjüngt und wie ein Baum neue Zweige treibt", sagte Altbischof Martin Kruse in seiner Predigt. Zugleich erinnerte er daran, dass alle "Schutzbefohlenen" in den EJF-Lazarus-Einrichtungen ihre Gaben hätten, die "entdeckt, gewürdigt und gefördert" werden müssten. (Wortlaut der Predigt Bischof Kruse, Druckversion) Mitte des 19. Jahrhunderts waren auf Anregung von einem der Gründungsväter der Diakonie, Johann Hinrich Wichern, in fast allen Kreisen der Provinz Brandenburg so genannte "Rettungshäuser" entstanden. Sie nahmen vernachlässigte, gefährdete und straffällig gewordene Kinder auf und betreuten sie. Im Dezember 1894 schlossen sich die einzelnen Einrichtungen zum "Brandenburgischen Rettungshaus-Verband", später Kirchlicher Erziehungsverband (KEV), zusammen. So konnten sie einerseits stärker gegenüber dem Staat auftreten, andererseits auch besser gefördert werden. Einer der Grundgedanken des Rettungshaus-Verbandes, der die diakonisch-soziale Arbeit von EJF-Lazarus bis heute prägt, war "Fürsorge statt Strafe und Zwang". Zudem nahm der Verband durch seine Praxis wesentlich Einfluss auf die neue Jugendgesetzgebung. Ab 1903 übernahm der Verband auch die fachliche Betreuung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Ende 1936 gehörten dem "Kirchlichen Erziehungsverband" 69 Heime in der damaligen Provinz Brandenburg (einschließlich Berlins) an, in denen rund 3.600 Kinder untergebracht waren. Ende der 30-er Jahre durchschauten viele Mitarbeiter im Verband die Demagogie und das vorgetäuschte Christentum des Nationalsozialismus. Diakonissen beschafften ungeachtet der Gefahr für sich selbst, Ausweise und Arbeitsbücher für so genannte "Nichtarier" und Menschen mit Behinderungen, um diese vor der Verschleppung in Vernichtungslager zu bewahren. Nur in wenigen Fällen gelang es den Behörden, Heime für "kriegswichtige Zwecke" zu beschlagnahmen. Auch konnten Provinzbehörden und die "Hitlerjugend" ihre Absicht nicht verwirklichen, den größten Teil der Heime im Rahmen der "Kinderlandverschickung" zu belegen. Die offene Jugendhilfearbeit war jedoch zunehmend schwieriger. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand der Verband vor einem Neuanfang. Zahlreiche Gebäude waren zerstört. Zugleich sah man sich einerseits mit den allgemeinen Versorgungsnöten, andererseits mit Flüchtlingsströmen sowie Massen von Kriegsversehrten und Obdachlosen konfrontiert. Zunächst ohne jede größere Hilfe durch kirchliche oder staatliche Stellen begann der KEV in seinen Heimen und Einrichtungen mit dem Wiederaufbau. Bis Ende 1946 konnten die ersten, im Krieg schwer zerstörten Heime wieder in Betrieb genommen werden. 1949 verfügte der KEV über 17 eigene Kinder- und Jugendheime, von denen vier in Berlin (West) und die übrigen im Bereich der sowjetisch besetzten Zone lagen. Auf Grund staatlichen Drucks des SED-Regimes wurde eine Neuordnung der Rechtslage für die Einrichtungen des KEV in Ostberlin und Brandenburg unumgänglich. Es wurde das selbständige "Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg" (EJF) geschaffen. Einen Einschnitt in die Arbeit des Verbandes brachte der Bau der Berliner Mauer. Die Vorstandsmitglieder mit Wohnsitz in der DDR wurden daran gehindert, ihre Ämter für den gesamten Verband wahrzunehmen. Mitte der 60-er Jahre wurde auch in Berlin (West) der KEV in "Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk" umbenannt. Mit der Namensgleichheit sollte die Zusammengehörigkeit mit dem Verband in Ostdeutschland zum Ausdruck gebracht werden. Die Leitung des gesamten Verbandes lag in Berlin (West). 1971 wurden alle Heime des EJF in Ostberlin und der DDR von der Stephanus-Stiftung übernommen. Gleich nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 übernahm das EJF die Verantwortung für immer mehr Einrichtungen aus kommunaler Trägerschaft in der ehemaligen DDR, zunächst im Land Brandenburg und in den östlichen Stadtteilen Berlins, später auch in anderen neuen Bundesländern. 2004 schlossen sich das EJF und die Diakonie-Stiftung Lazarus zu einem starken Sozialverbund, die EJF-Lazarus gAG, zusammen. Heute leistet die EJF-Lazarus Gesellschaft diakonisch-soziale Arbeit in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und in den Freistaaten Sachsen, Thüringen und Bayern sowie im polnischen und tschechischen Grenzgebiet. Die EJF-Lazarus Gesellschaft ist Träger von mehr als 70 Einrichtungen in der Kinder- und Jugend-, der Behinderten- und Altenhilfe. Außerdem unterhält sie zwölf Beratungsstellen und 13 Kindertagesstätten. Mit ihren vielseitigen Einrichtungen ist die EJF-Lazarus Gesellschaft in der Lage, Menschen in allen Lebensabschnitten Hilfe anzubieten, von der Schwangerschaftskonfliktberatung bis zum Sterbehospiz. |